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(GE_I_01, p.xxx)
In Philosophie des Geldes von Georg SIMMEL (Leipzig 1900) erscheint Geld als fundamentales “Symbol” neuzeitlicher Kultur. Es vertritt die “Ganzheit ihres Sinnes”, der aber eben dadurch nicht mehr feststeht, sondern sich verflüssigt. Geld wird zum “Symbol für den absoluten Bewegungscharakter der Welt”. Dadurch entsteht ein Relativismus, der nicht nur Waren und Werte betrifft, sondern auch die Auffassung von Wahrheit. Durch den monetär vermittelten Relativismus wird ein Wandel vom Substanz- zum Funktionswert eingeleitet, dem die Auffassung der Wahrheit als Relationsbegriff entspricht: “Jede Vorstellung ist nur im Verhältnis zu einer anderen wahr.”
Die Umrechnung von Qualitäten in Quantitäten, die Entwicklung vom Nutzwert zum Tauschwert, die Marx am Anfang des Kapitals in Bezug auf den Warenbegriff analysiert, erlaubt vollkommen neue Formen des Austausches, eben weil die Qualität und der Gebrauchsnutzen durch einen Preis ersetzt wird. Simmel sieht hier eine Ambivalenz: Einerseits wird durch die monetär bedingte Distanz zu allem “Unmittelbaren” ein “Entstehungsprozeß der Freiheit” und die “Objektivität der Dinge” ermöglicht, andererseits ist der geldbedingte Relativismus Ursache für neue Abhängigkeiten und fundamentale Entfremdung. Wenn nun Geld als funktionales Mittel und “substanzgewordene Relativität” Beziehungen und Austausch reguliert und endlose “Gegenseitigkeit der Wechselwirkung” ermöglicht, dann wird es in dem Maße zum Medium, als es nicht in Bezug auf seine Qualität an und für sich in Betracht kommt, sondern immer nur in der Zahlung erscheint. Schmuckgeld, wie es in Neu-Guinea und im Süd-Pazifik vorkam, bildet hiervon also eine Vorstufe und ist noch kein Geld in unserem Verständnis. Hier besitzt das Tauschmittel an und für sich noch einen Nutzen und es existieren noch keine diskreten und damit verzifferbaren Einheiten.
Die Geburt des Geldes besteht in einer doppelten Bewegung: Das Tauschmittel verliert seinen Nutzen an und für sich und wird digitalisiert im wörtlichen Sinne des Wortes, es wird (an den Fingern [(digitus=Finger]) abzählbar und damit verzifferbar. Die Münze entsteht aus der Standardisierung des Edelmetalls durch Prägung, unabhängig davon, ob es aus der Notwendigkeit der Verzifferung akkumulierter Goldwerte in Lydien (Wolfgang Ernst, Das Gesetz des Gedächtnisses, Berlin 2007, p. 59) oder daraus entstand, dass für die interne Verrechnung von Palastwirtschaften Münzgeld geprägt wurde, das dann auch außerhalb des Palastes seinen Wert behielt (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, F.a.M. 1998, p.509f, im Anschluss an Fritz Heichelheim, Die Ausbreitung der Münzgesellschaft und der Wirtschaftsstil im archaischen Griechenland, Schmollers Jahrbuch 55, 1931, p.229-254; bei Luhmann interessanter Weise erwähnt als Beispiel für soziale Evolution: eine Variation entsteht zunächst in einem bestimmten Zusammenhang und erlangt dann eine gesammtgesellschaftliche Bedeutung) So gesehen ist das Geld das erste digitale Medium, denn es lässt sich - da es in diskrete Einheiten teilbar ist - buchstäblich an den Fingern abzählen. Interessant wäre zu untersuchen, inwiefern das erste Auftauchen des Münzgeldes in der Mitte des 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und das Abstellen auf Messbarkeit und Zählbarkeit bei den Pytagoreern gut hundert Jahre später (seit etwa 525 v.Chr.) wissenssoziologisch zusammenhängen. Auch nicht vergessen sollte man das Thales von Milet nicht nur Philosoph, der älteste der sieben Weisen, Astronom und Mathematiker war, sondern auch Kaufmann.
Die weitere Entwicklung des Geldes betrifft nicht mehr seine Codierung, sondern die Komplexitätssteigerung, die durch den immer wieder stattfindenden Wiedereintritt (re-entry) der Erwartung in sich selbst ins Werk gesetzt wird. Die Definition des Geldes als Zwischentauschmittel, welches sich von anderen, älteren Tauschmitteln dadurch unterscheidet, dass es nicht unmittelbar und für sich Bedürfnisse befriedigt, sondern aufgrund von Erwartung und Erwartungserwartung zum Tausch eingesetzt werden kann, ist die erste Stufe dieses Widereintritts der Erwartung in sich selbst (die sich auf der Seite des Käufers ereignet): Der Geldempfänger/Verkäufer erwartet, das Geld fürderhin gegen Güter eintauschen zu können, und der Zahlende/Käufer kann diese Erwartung des Geldempfängers erwarten. Die Erwartungs- und Erwartungserwartung des Geldes macht es interessant für die Theorie sozialer Systeme, wie sie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann ausgearbeitet wurde. Parsons bezeichnete das Geld nicht nur als eines der von ihm ausgemachten (symbolisch generalisierten) Tauschmedien (neben Einfluss, Macht und Wertbindung), sondern setzt es gleichsam an den Anfang seiner soziologischen Medienreflexion: „Für mich“, schreibt er, „war Geld das Modell, von dem ich in meiner Medientheorie ausging“ (Sozialstruktur und die symbolischen Tauschmedien, 1975, in Kursbuch Medienkultur, Pias, Vogl, Engell, Fahle, Neitzel [Hrsg.], Stuttgart 1999, p.36). Die nächste Stufe der Komplexität ereignet sich mit der erneuten Wiedereinführung der Erwartung in sich selbst. Das Papiergeld erhält seinen Tauschwert zunächst dadurch, dass angenommen und erwartet wird, dass es jederzeit in Münzen einzutauschen ist, es stellt gleichsam eine Aufforderung dar, auf Verlangen den Gegenwert in Münzen auszuzahlen. Es entsteht massiv im 11. Jahrhundert in China, da es dort zu einem Mangel an Münzen kommt. (1275 schrieb Marco Polo, die Chinesen hätten den Stein der Weisen entdeckt, „und ich sage euch, dass jeder gern einen Schein nimmt, weil die Leute, wohin sie im Reich des großen Khan auch gehen, damit einkaufen und verkaufen können, so als ob es pures Gold wäre“.) Allerdings kann Papiergeld auch als standardisierter und damit übertragbarer Schuldschein verstanden werden, als Quittung für Münzgeld. Den nächste Schritt der Komplexitätssteigerung stellt die Aktie dar, die zwar verspricht, einem Anteil an Produktionsmitteln zu entsprechen, für den Aktionär aber einen Wert darstellt, der nur über den Wiederverkauf realisiert werden kann. Auf der ersten Stufe und damit dem dritten Wiedereintritt der Erwartung in sich selbst entspricht die Aktie einem Anrecht auf einen entsprechenden Anteil am Gewinn eines Unternehmens, hier steht die Dividende im Zentrum. Auf der zweiten Stufe entspricht die Aktie nicht etwa dem realen Gewinn eines Unternehmens, sondern stellt über ihren Preis die Erwartung auf zukünftige Gewinne dar und repräsentiert damit die Einschätzung der Wertsteigerung des Unternehmens. Hier nun steht nicht mehr die Dividende, sondern die Spekulation im Zentrum. Die Spekulation basiert nicht mehr auf der augenblicklichen und tatsächlichen Wertschöpfung eines Unternehmens, sondern zunächst auf seiner angenommenen zukünftigen Wertschöpfung (erwartete Steigerung der Wertschöpfung eines Unternehmens), löst sich dann aber auch von dieser und wird zur Spekulationsspekulation, d.h. dass es nicht mehr um die Steigerung des tatsächlichen Wertes eines Unternehmens geht, sondern allein um die Steigerung des Wertes der Aktie, die in einem dynamischen Netz von Erwartungen und Erwatungserwartungen ihren handelbaren Wert erhält.
Andere parallel stattfindende Komplexitätssteigerungen ergeben sich mit Kreditkarten, Schecks und dem Geldmarkt.
Da diese Selbstbezüglichkeit der Erwatungserwartungen dynamisch abgesichert ist, kann das Wirtschaftssystem nun auf einige basale Absicherungen (so scheint es zumindest bis jetzt) teilweise verzichten. Solange Geld noch an wertvolle physische Tauschmittel gebunden war, war eine entsprechende Absicherung nicht nötig. Mit der Einlösungsgarantie von Papiergeld durch Münzen bzw. Gold und Silber wurde der Wert des Papiergeldes bis Anfang der 70er Jahre garantiert. Von dieser Zeit an wurden die Depots der bei den Notenbanken für das ausgegebene Geld hinterlegten Wertgaranten (Gold und Silber) von vielen Staaten aufgelöst und das internationale System der Golddeckung des Geldes mehr und mehr abgebaut. Prominent wurde die Aufkündigung der Goldeinlösegarantie der USA (Nixon) für den Dollar im Jahre 1973. Dass der Eintritt in die Erwartung in sich selbst sich auch heißlaufen und dann wie eine Blase platzen kann, zeigt allerdings der Zusammenbruch der new ecomony.
Mit der Spekulation tritt die Erwartung und die Erwartungserwartung in einen neuen, bisher nicht dagewesenen Kreislauf ein. Nicht die Erwartung ist hier die Basis der Erwartungserwartung, sondern umgekehrt jede Erwartung basiert schon für sich auf einer Erwartungserwartung. (Ein Bild hierfür ist das Gefangenendilemma. Modelle zur Behandlung des Problems liefert die Spieltheorie.) Die Verhältnisse verändern sich grundlegend und es ergibt sich eine neue Stufe der sozialen Struktur. Auf der neu in Erscheinung tretenden Stufe ist die Erwartungserwartung nicht mehr die Grundlage einer Stabilität, bezieht sich also nicht mehr schlicht auf die Erwartung einer Eintauschbarkeit des Zwischentauschmittels, sondern dynamisiert sich in symmetrischer Eskalation. Als Regelmechanismus erscheint die Rückbeziehung der Spekulation auf die Vermutungen und Analysen der Wirtschaftsfachleute, die die tatsächliche Wertsteigerung mit einschließt. Bei dem Übergang zur Aktie und zur Spekulation haben wir es mit einem evolutionären Schritt zu tun, der grundlegender Art ist, also mit Emergenz.
Nach diesem Überblick können wir an Hand des symbolischen Tauschmediums Geld folgende Stufen der gesellschaftlichen Struktur unterscheiden: a) Die Selbsternährung der Jäger und Sammler (Urgesellschaft), die Warentauschgesellschaften, die Geldgesellschaft (Neuzeit, Buchdruckgesellschaft, Disziplinargesellschaft, Produktionskapitalismus) und die Spekulationsgesellschaft (Postmoderne, Computergesellschaft, Kontrollgesellschaft, Distributionskapitalismus). Zu ergänzen wäre, dass die hier angeführten Kategorien Ideal-Typen-Begriffe sind und man überprüfen müsste, was durch ihre Einführung beschreibbar wird und was sich durch ihre Einführung gerade der Beschreibung entzieht. Insbesondere der Übergang von der Warentauschgesellschaft zur Geldgesellschaft ist an so mannigfaltige Phänomene geknüpft, dass ihre bloße Unterscheidung nicht allzuviel sagt. Hier müssten weitere Beschreibungen angefügt werden, um die Kulturtechniken und Organisationsformen im Einzelnen zu treffen und ihre jeweiligen Übergänge genauer fassen zu können.
Dieser eher systemtheoretischen Betrachtungsweise des Geldes lässt sich ein dezidiert kulturtechnischer und auf die Materialität sehender medienarchäologischer Blick entgegensetzten. Übertrüge man Shannons Sender-Empfänger-Modell auf diesen heterogenen Gegenstand, auf ein Medium ohne Kanal, dann müsste man nach der Bedeutung der Materialität des Geldes fragen. Auch so genanntes elektronisches Geld ist keineswegs immateriell, sondern hat in der Computerhardware seine materielle, keineswegs neutrale Grundlage. Interessant, dass sich in der Entwicklung vom Münzgeld über das Papiergeld zum elektronischen Geld eine Zentralisierung von Macht ereignet. War das voll entwickelte Münzgeld weitgehend unabhängig von institutioneller Anbindung, bedurfte das Papiergeld des Staates als desjenigen, der den Wert garantierte. Die physikalische Grundlage des elektronischen Geldes besteht in dreizehn von der ↑ICANN koordinierten Root-Servern (’A’ bis ‘M’). Die Anzahl der Rootserver ist zurzeit technisch auf eben 13 begrenzt (da nur 13 Rootserver mit ihren Adressen in ein ↑UDP-Antwort-Paket auf eine ↑SOA-Anfrage passen).
War Münzgeld unabhängig von staatlichen Garantien und in diesem Sinne weitgehend dezentral, fand in der Entwicklung vom Papiergeld zum elektronischen Geld eine weitere Zentralisierung statt. Ganz Südamerika wird weitgehend von einem einzigen Rootserver bedient, der bei Bedarf - etwa im militärischen Konfliktfall - in den USA abgeschaltet werden kann. Die einzelnen Verbindungen würden zwar weiter bestehen, könnten aber nicht mehr genutzt werden, da sich die Server nicht mehr gegenseitig erkennen könnten.
Die Geschichte der Physikalität des Geldes-Mediums - und dies ist die epistemologische (und auf den Medienbegriff als Ganzen zu übertragende) Pointe dieser Fußnote – erzählt eine ganz andere Geschichte als die Geschichte des Geldes als eines symbolisch generalisierten Tauschmediums. vgl. ↑Epistemologie des Switchens
Zu ergänzen wäre, dass die Vorstufe des Buchgeld, also das Notieren einer Schuld, weit älter zu sein scheint als das Münzgeld, zu dessen Voraussetzungen die Edelmetallgewinnung und -verarbeitung gehören. Es wäre denkbar, das erste Geld in Schuldzeichnungen (Striche und Kreuze) des Neolithikums zu erblicken (also der Jungsteinzeit, die mit dem Übergang zum Ackerbau - der so genannten neolithischen Revolution [Childe] - einsetzt und mit dem Übergang zur Bronzezeit ihr Ende findet). Der Strich wird das Zeichen für die Schuld und das Durchstreichen des Striches das Zeichen für ihre Tilgung gewesen sein. Das Kreuz wäre damit damals schon das Zeichen der Erlösung von Schuld gewesen.